Móng Zi
Ein Dossier über den Philosophen Menzius (372-289 v. Chr.)
nach Richard Wilhelm 1994 [1]
von Kristian Rother
"Nur der Mensch der zu manchen Taten nicht fähig ist, ist fähig, Taten zu vollbringen."(IV.B.8)
Einleitung
Móng Zi, lateinisch Menzius, gehört zu den bedeutendsten chinesischen Denkern. Seine Lehre durchdringt sämtliche gesellschaftlichen Bereiche von Bräuchen innerhalb der Familie bis zum Wirken auf höchster politischer Ebene. Er gibt dem Menschen moralische Ratschläge an die Hand, aber auch äußerst konkrete Handlungsanweisungen. Móng Zi folgt der Lehre des Kóng Zi, lateinisch Konfuzius, und dessen Gedanken finden sich in jenes Werken vielfach wieder. Dennoch ist Móng Zi seinem Vorgänger durch seine glasklare Gedankenführung und nicht zuletzt durch seine energische Ausdrucksweise mindestens ebenbürtig. Seine in sieben Büchern überlieferten Schriften spiegeln den Zeitgeist seiner Epoche wider, viele seiner Weisheiten sind aber zeitlos gültig. Seine Philosophie und sein Wirken im Kontext der Zeit, will ich im Folgenden kurz vorstellen.
Dieser Text ist bewußt unkritisch geschrieben, um dem Leser die eigene Interpretation nicht zu verstellen. Die Stellenangaben in Klammern beziehen sich auf die vorliegende Ausgabe [1]. Ich empfehle jedem, der an mehr Einzelheiten interessiert ist, das Buch zu kaufen und zu lesen, da ich es immer noch nicht auswendig kenne.
China zur Zeit des Móng Zi
Im vierten bis dritten vorchristlichen Jahrhundert befand sich China in einer Zeit des Umbruches. Die alte Dynastie der Sòng war zerfallen, und die Wurzeln der Hochkultur schon Mythos geworden - immerhin blickte das Land bereits auf eine 2000-jährige Geschichte zurück. Die fruchtbaren Landstriche zwischen den beiden großen Strömen wurden nach dem Wegfall der Zentralgewalt von einer wachsenden Zahl von Kleinstaaten beherrscht, die sich untereinander bekämpften. Man nennt diese Epoche daher auch die Zeit der 'kämpfenden Königreiche'. Sie wurde erst ca. 210 v.Chr beendet, als es dem Herrscher Qín Shihuang gelang, 'alle Länder unter dem Himmel' (tian xià) gewaltsam zu vereinen und so zum ersten Kaiser über die damalige Welt zu werden [2]. Nach damaliger Sicht der Dinge war die Welt eine Scheibe, der Himmel jedoch quadratisch, so daß die Barbarenstaaten am Rand der Welt kein Stück Himmel mehr abbekommen haben. Insofern ist mit der 'Welt' dieser Zeit stets ganz China gemeint.
Trotz der politischen Wirren gab es viele lokale Fürsten, welche Kunst und Wissenschaft förderten, so daß sich eine regelrechte Kultur von Wandergelehrten, ähnlich der Sophistenbewegung im antiken Griechenland herausbildete. Sie hatten bei Hofe sowohl beratende als auch unterhaltende Funktion. Móng Zi selbst lehrte an den Höfen verschiedener Fürsten, und diese Tätigkeit spiegelt sich als Schwerpunkt seines Werks wider.
Philosophie
Der Mensch ist von Natur aus gut, so eine der Grundaussagen des Móng Zi. Daher sei es nur der natürliche Lauf der Dinge, durch Pflichterfüllung seiner Familie und seinem Fürsten gegenüber und durch Güte an allen Menschen Glückseligkeit zu erlangen.
Im Einzelnen stellt er in beispielhaften Dialogen und Situationen dar, wie man sich respektvoll, gütig oder pflichtbewußt verhalten sollte. Vielfach betont er die Wichtigkeit von scheinbaren Oberflächlichkeiten im öffentlichen wie im privaten Leben: Daß Geschenke immer eines Anlasses bedürfen (sonst wäre es Bestechung, V.B.4). Daß ein Untergebener stets seinem Stande gemäß gerufen werden solle (III.B.1, Móng Zi ruft bei Mißachtung offen zur Verweigerund des Dienstes auf). Daß ein Gelehrter vom Fürsten persönlich eingeladen oder sogar abgeholt werden solle (so dieser abkömmlich ist). Und schließlich, daß der Ehegatte sich bei der Ankunft ankündigen sollte (er selbst unterließ dies einmal, so daß seine Frau nicht rechtzeitig das rettende Neglige erreichte). Er definiert diese Verhältnismäßigkeiten als Stützpfeiler jeder Gesellschaft.
Um seiner Lehre mehr Kraft zu verleihen, stützt sich Móng Zi in vielen seiner Aussagen auf berühmte Staatsmänner und Heilige aus der frühen Geschichte Chinas. Oftmals sind die erwähnten Begebenheiten dem westlichen Leser schleierhaft, es wird jedoch deutlich, daß Móng Zi, indem er die moralische Reinheit der Ahnen des 'goldenen Zeitalters' lobt, die Deszendenz der Sitten aufzeigt und damit ganz im Geiste seiner Zeit liegt (IV.B.29).
Mit den Sophisten seiner Zeit diskutiert er eifrig, und demontiert die gedanklichen Gerüste seiner Gegner mit fast schon sportlichem Geist (VI.A.1ff). Ist Móng Zi aber einmal der Meinung, jemand habe seinen Respekt nicht verdient, wird er sogar regelrecht frech (II.B.6). Respektlos ist er auch gegenüber den Fürsten, und beschreibt dies als Voraussetzung für seinen Beruf: “Wer einen Fürsten verbessern will, der muß ihn erst einmal verachten.” (VII.B.34). Hier zeigt sich die ausgesprochene Dickköpfigkeit des Meisters, der Dinge gern persönlich nimmt und dabei ein immenses Selbsbewußtsein erkennen läßt (II.B.12).
“Menschenliebe ist die natürliche Gesinnung des Menschen. Pflicht ist der natürliche Weg des Menschen.” (VI.A.11)
“Einst war der Herzog Ging von Tsi auf der Jagd. Er winkte seinen Förster mit einer Flagge heran (anstatt mit einer Pelzmütze). Jener kam nicht, und der Herzog hätte ihn darum beinahe töten lassen. Ein entschlossener Mann vergißt nie, daß er eines Tages in einem Graben oder Tümpel enden kann, ein mutiger Mann vergißt nie, daß er eines Tages um den Kopf kommen kann.” (III.B.1)
“Gung-Sun Tschou sprach: Die Stellung eines Ministers ist nicht gering, der Weg von Tsi nach Tong ist nicht nahe. Ihr habt ihn zweimal gemacht und habt mit ihm kein Wort gewechselt über die Erledigung der Geschäfte. Wie ist das? Mong Zi sprach: Da er ja alles schon selber besser zu wissen schien: was hätte ich da mit ihm reden sollen?” (II.B.6)
“Ich überschritt die Grenze und der König schickte niemanden nach mir. Da erst ließ ich meinem Entschluß zur Heimkehr freien Lauf. Aber trotz alledem! Der König ist ein Mann, der wohl dazu gebracht werden kann, Gutes zu wirken. Wenn der König mich gebraucht hätte, so wäre nicht nur das Volk von Tsi zur Ruhe gekommen: alles Volk auf Erden wäre zur Ruhe gekommen.” (II.B.12)
“Mong Zi sprach: Ist das Weiß einer weißen Feder gleich dem Weiß des weißen Schnees, und ist das Weiß des weißen Schnes gleich dem Weiß des Marmors? Gau Zi bejahte. Mong Zi sprach: Dann ist also die Natur des Hundes gleich der Natur des Ochsen und die Natur des Ochsen gleich der Natur des Menschen.?” (VI.A.3)
“Ferne sei es von mir, den Streit zu lieben. Ich kann nicht anders.” (III.B.9)
Familie
Für Móng Zi steht die Familie als Keimzelle des Staates noch über dem Staat. Der Einzelne hingegen ist die Keimzelle der Familie (IV.A.5). Hier bringt er die Grundsätze seiner Philosophie zur Anwendung. Dabei steht der Respekt vor den Eltern und die Ehe ganz oben. Er empfiehlt Fürsten und gewöhnlichen Menschen, die vor der Wahl zwischen Familie und Beruf stehen, sich für die Familie zu entscheiden (III.A.2) – und lebt dies auch selbst vor (er verläßt ein ehrenvolles Amt, um näher zu seiner kranken Mutter zu ziehen). Oft betont er die Wichtigkeit von Trauerzeremonien und -zeiten – wohl ein Hinweis, daß es darum zu seiner Zeit nicht allzu gut bestellt war (II.B.7). Weiterhin empfiehlt er Eltern, ihre Kinder nicht selbst zu unterrichten, um den Familienfrieden nicht zu gefährden (IV.A.18). Er rät sogar, scheinbar gegen die Eltern ungehorsam zu sein, um letztlich dennoch seine Pflicht in der Familie zu erfüllen (V.A.2).
”Nun ist das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe die wichtigste aller menschlichen Beziehungen. Hätte er seien Eltern Anzeige (seine Hochzeitspläne verraten) gemacht, so hätte er diese wichtigste aller menschlichen Beziehungen versäumen müssen und hätte sich dadurch doch auch den Unwillen der Eltern zugezogen. Darum hat er ihnen keine Anzeige gemacht.” (V.A.2)
”Wenn man selbst nicht der Vernunft gemäß handelt, so bringt man nicht einmal Weib und Kind dazu, danach zu tun. Wenn man andern Befehle gibt, die der Vernunft widersprechen, so können sie nicht einmal von Weib und Kind ausgeführt werden.” (VII.B.9)
“Daß Leute ihre Worte leicht nehmen, kommt, wenn sie keine Verantwortung zu tragen haben.” (IV.A.22)
Politik
Móng Zi sieht es als seine Aufgabe an, einen Fürsten dazu anzuleiten, wie er die Weltherrschaft erreichen kann. Was zuerst drastisch klingt, entpuppt sich als eine sehr humane Form der Globalisierung: Der Fürst möge seinen Staat so gütig, gerecht und friedvoll führen, daß jeder Nachbar am liebsten unter seiner Herrschaft wäre. Er sollte erster Diener des Staates sein, und dabei müsse Güte anstelle von Nützlichkeit die Leitlinie seines Handelns sein – als Vorbild für alle Untertanen. Kriegerische Auseinandersetzung zwischen ebenbürtigen Staaten lehnt er als schädlich für das Volk völlig ab, hält Strafaktionen gegen unfähige oder abtrünnige Untergebene jedoch für sinnvoll und benennt sie auch so (III.B.5). Beharrlich wiederholt Móng Zi, daß die konsequente Umsetzung dieser Richtlinien unweigerlich zur Weltherrschaft führen müsse, ein Abweichen jedoch zum Untergang (IV.A.2ff).
Tragischerweise gab die Geschichte ihm zumindest in letzterem recht: Mehrere der von Móng Zi beratenen Fürsten schlugen seine Ratschläge in den Wind und mußten katastrophale Rückschläge in ihrer Innen- und Außenpolitik erleben. Der unverstandene Lehrmeister zog mehrfach enttäuscht von dannen und ließ sich auch durch reiche Geschenke nicht zurückhalten (II.B.10).
“Der Graf von Go aber kam mit seinen Leuten und fing die, die den Wein, Reis und Hirse brachten, und nahm es ihnen weg. Die es nicht hergaben, schlug er tot. Nun war auch ein Knabe, der Hirse und Fleisch für die Arbeiter brachte. Den schlug er tot und nahm die Sachen weg. [..] Weil er nun diesen Knaben umgebracht hatte, züchtigte ihn Tang. Und die ganze Welt sprach: Er begehrt nicht den Reichtum der Weltherrschaft, er will nur einem gewöhnlichen Mann und einer gewöhnlichen Frau aus dem Volk zu ihrer Rache verhelfen. [..] Als er die Fürsten im Osten züchtigte, da waren die Westbarbaren unzufrieden. Wandte er sich nach Süden, so waren die im Norden unzufrieden und sprachen: Warum nimmt er uns zuletzt vor?” (III.B.5)
“Denn wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? So sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserem Hause zum Nutzen? Und die Ritter und Leute des Volkes sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig suchen sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden, und das Ergebnis ist, daß das Reich in Gefahr kommt.” (I.A.1)
“Wenn Ihr, o König, bei der Ausübung der Regierung Milde walten laßt, so daß alle Beamten auf Erden an Eurem Hofe Dienst zu tun begehren, alle Bauern in Euren Ländern zu pflügen begehren, alle Kaufleute in Euren Märkten ihre Waren zu stapeln begehren, alle Wanderer auf Euren Straßen zu gehen begehren, daß alle auf Erden, die etwas gegen ihren Herrscher haben, herbeizueilen und ihn vor Eurer Hoheit anzuklagen begehren: daß es also geschieht, wer kann es hindern?” (I.A.7)
“... Mong Zi fuhr fort: Wenn der Kerkermeister nicht imstande ist, seinen Kerker in Ordnung zu halten, was soll mit ihm geschehen? Der König sprach: Er soll entlassen werden! Mong Zi fuhr fort: Wenn Unordnung im ganzen Lande herrscht, was soll da geschehen? Der König wandte sich zu seinem Gefolge und redete von anderen Dingen.” (I.B.6)
Móng Zi beschränkt sich jedoch nicht auf Idealbilder: Er gibt konkrete Handlungsanweisungen für die gute Staatsführung: niedrige Abgaben; Frondienste als Alternative zur ertragsunabhängigen Besteuerung der Bauern; Unterteilung der Felder in ein staatlich und acht privat bewirtschaftete Neuntel; Abschaffung von Zöllen für den Außenhandel. (II.A.5, III.A.3, V.B.2) Stets hat er das Wohl und den Willen des Volkes im Auge, selbst bei der Annexion fremder Staaten (I.B.10f).
“Das Volk ist am wichtigsten, die Götter des Landes und Kornes kommen in zweiter Linie, und der Fürst ist am unwichtigsten. Darum, wer die Gunst des Landvolks erlangt, der wird der Herr der Welt. [..] Wenn ein Landesfürst die Altäre des Landes und Korns in Gefahr bringt, so wird er abgesetzt und ein anderer für ihn eingesetzt. [..] Wenn die Opfer zur Zeit dargebracht wurden, und es tritt dennoch Dürre oder Hungersnot ein, so werden die Götter des Landes und Kornes abgesetzt und andere für sie eingesetzt.” (VII.B.14)
Menzius und Konfuzius
Obgleich nur drei Generationen
voneinander entfernt, zeigt sich in ihren Werken der vollzogene
gesellschaftliche Wandel. Während Kóng Zi mild und
zurückhaltend spricht, weht einem aus den Texten des Móng
Zi ein rauherer Wind entgegen. Die Grundsätze sind zwar die
gleichen, aber letzterer vertritt sie oftmals kämpferisch mit
Worten und ist dabei kompromißlos oder sogar stur. Es finden
sich aber auch Beispiele, daß er aus der Bedürftigkeit der
Situation heraus sehr pragmatische Züge zeigt, beispielsweise
daß man eine unwürdig dargebrachte Gabe annehmen kann, um
sich vor dem Verhungern zu retten (eine Gefahr, die für viele
Zeitgenossen des Móng Zi durchaus real war). Nicht zuletzt aus
diesem Grunde kann man Móng Zi keinesfalls als weltfremd
bezeichnen.
Móng und Kóng sind übrigens die
Familiennamen der beiden Gelehrten. Das Zi wird mit stummem Vokal
ausgesprochen.
Referenzen:
[1] Wilhelm, Richard (1994) Mong Dsi – Die Lehrgespräche des Meisters Meng K´o; Diedrichs Gelbe Reihe
[2] Zhang, Yimou; Li, Jet; Cheung, Maggie et al. (2003) Ying Xiong (HERO); UCI Kinowelt












